Am Ende ganz Mensch- Arbeiten im Hospiz

 

Im Hospiz zu arbeiten bedeutet für mich, Menschen zu begegnen.
Nicht „Sterbenden“.
Nicht Diagnosen.
Nicht Geschichten aus Akten oder Stationsbriefings.  

Sondern Menschen mit Biografien.
Mit Angst und Mut.
Mit Liebe, Erinnerungen und offenen Fragen.

Schon beim Eintreten spüre ich:
Hier geht es nicht um Leistung.
Hier geht es um Dasein.


Nähe, die trägt

Hospizarbeit ist Beziehungsarbeit.
Sie lebt von Präsenz – nicht von Lösungen.

Manchmal sitze ich einfach da.
Manchmal halte ich eine Hand.
Manchmal höre ich zu, ohne zu unterbrechen, ohne zu bewerten.

Die Gespräche sind selten oberflächlich.
Es geht um das Leben: um das, was geglückt ist, und um das, was wehgetan hat.
Um Lieben, Verluste, Brüche, Sehnsüchte. Um Abschiede.

Diese Nähe ist ein Geschenk.
Und sie fordert mich.
Denn sie verlangt Offenheit – berührbar zu bleiben, ohne mich selbst zu verlieren.


Wenn Zeit langsamer wird

Im Hospiz hat Zeit eine andere Qualität.
Sie drängt nicht. Sie misst nicht. Sie ist einfach da.

Es gibt kein „später“.
Kein „wenn dann“.
Ein Blick kann reichen. Ein Satz. Ein gemeinsames Schweigen.

Hier übe ich mich im Jetzt.
Nicht im Gestern. Nicht im Morgen.
Im Moment.


Herr M. – Die Angst, allein zu sein

Bei unserem ersten Treffen sagt M.:
„Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe Angst davor, allein zu sein.“

Dieser Satz bleibt bei mir.

Ich komme wieder. Ohne Plan, ohne Ziel.
Manchmal reden wir, manchmal nicht.
Manchmal halte ich seine Hand.
Manchmal geniesst er eine Rückenmassage – aber bitte genau so, wie er es mir erklärt. Er war schliesslich ein bekannter Tennisspieler, der fast täglich in den Genuss von Massagen in seiner aktiven Laufbahn kam!

Ich erlebe, wie Präsenz wirkt.
Nicht, weil sie Angst auflöst.
Sondern weil sie sie hält.

Als Herr M. stirbt, bin ich nicht bei ihm.
Und doch weiss ich: Er ist nicht allein gegangen.
Dieser Gedanke tröstet mich.


Zwischen Trauer und Leichtigkeit

Ja, es gibt Tränen.
Abschiede schmerzen – jedes Mal.

Und gleichzeitig gibt es Lachen.
Erinnerungen. Musik.
Flackerndes Licht von LED-Kerzen.
Manchmal sogar kleine Feiern.

Das Leben zieht sich nicht zurück, nur weil es endlich ist.


Frau S. – Wenn Wahrheit genügt

Frau S. trägt etwas Schweres in sich:
den Bruch mit ihrer Schwester. Ungesagt. Ungeheilt.

„Ich weiss nicht, ob ich dir noch etwas sagen darf“, flüstert sie mir zu.
(Wir sind hier alle per du.)

Wir sprechen darüber, dass es keine perfekten Worte braucht.
Nur ehrliche.

Wir schreiben einen Brief. Satz für Satz.
Mit Pausen. Mit Tränen. Mit Mut.
Ich halte den Raum – mehr nicht.

Der Brief wird nie abgeschickt.
Eine Woche später, bei meinem nächsten Besuch, frage ich sie danach.
Sie verneint, wirkt ruhig, fast gelöst, und flüstert mir leise zu:

„Jetzt kann ich gehen. Es ist gut so“

Versöhnung muss nicht gross sein, um tief zu wirken.


Die Angehörigen – oft leise, oft übersehen

Meine Aufmerksamkeit gilt leider noch viel zu selten den Menschen neben den Bewohnenden.
Dabei sehe ich Müdigkeit. Schuld. Überforderung.
Die Angst, etwas falsch zu machen.

Begleitung endet nicht mit dem Tod.
Manche Gespräche beginnen erst danach.

In der Hospizarbeit bleibt dafür oft wenig Raum.
Umso mehr fliesst diese Begleitung in mein Wirken bei lebensbruecke.ch
und in die Trauercafés – gemeinsam mit Céline von seel-in.ch.


Was diese Arbeit in mir verändert

Hospizarbeit macht mich langsamer.
Klarer. Dankbarer.

Sie erinnert mich daran,
dass Kontrolle eine Illusion ist
und Beziehung trägt.

Ich gehe nach Hause und frage mich:
Was ist heute wirklich wichtig?

Im Hospiz lerne ich immer wieder neu:
Es geht nicht darum, den Tod zu begleiten.
Es geht darum, dem Leben bis zuletzt Raum zu geben.




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